FLUCHTPUNKT

fernschreiber.jpg

“Irgendwie sind wir hier her gekommen und haben durchschnittlich 70 Jahre Zeit um herauszufinden wie” Ophra.P.J.

Die Flucht geht weiter

Fluchtpunkt Nr.01

Nein, es war und ist immer noch keine wirklich gute Idee- aber die Zeit lässt sich jetzt nicht mehr zurückdrehen, dachte Ben nach Luft ringend. Schließlich hatte er diesen Auftrag angenommen, hatte sein Wort gegeben und war dadurch zwangsläufig in diese dumme Sache verwickelt. Jetzt einfach so tun, als ob man damit nichts zu schaffen hatte, war in Anbetracht seiner Lage natürlich vollkommener Blödsinn. Er hatte den Job nicht erledigt– deshalb musste er jetzt das Weite suchen!

Eigentlich war er nie der Typ für derlei Aktivitäten gewesen. Er war in seinem Leben bis dahin nie als kriminell aufgefallen, es bestand dafür überhaupt keinen Grund. Er besitzt genügend Geld, hatte eine nette Freundin und die Aussichten auf einen guten Job stehen vorzüglich. Im Grunde ist er einer dieser Menschen, die sich bereits unbehaglich fühlen, befindet er sich ohne gültigen Fahrschein in einem öffentlichen Verkehrsmittel. Nimmt man es genau, hatte er diese Sache aus reiner Langweile getan. Während Ben die Entscheidung traff, starrte er teilnahmslos aus einem Fenster. Das er wusste was er tat- nein, davon konnte wirklich nicht die Rede sein! Die leisen Worte: „Ja ich mach´s“ stümperten über seine Lippen, als wären sie rein zufällig in seinen Mund gelegt worden, und weil er sie da nicht ewig drin lassen konnte, öffnete er einfach seine Lippen damit sie hinaus konnten. Teilnahmslosigkeit hatte vor geraumer Zeit von ihm Besitz ergriffen. Was die Konsequenzen von alle dem sein werden, lag zu diesem Zeitpunkt jenseits von Ben´s Vorstellungskraft. Nur das rauschen seines Blutes im Kopf war konkret. Er empfand dieses Rauschen als unheimlich. Eine Frage die er sich stellte war “was ist dieses Rauschen?”

Ben rannte eine schmale Seitenstraße entlang, bog anschließend um eine Ecke und blieb für einen Moment stehen, gehetzt suchte er für seine Flucht die beste Richtung. Erst mal raus aus der Stadt dachte er. Schließlich rannte er in einen unscheinbaren Weg der zwischen zwei hohen Gipsmauern verschwand. Nach ungefähr 80 Meter verlor sich dieser Weg jedoch in einer kargen Wüstenlandschaft. Nur wenig Vegetation, hier und da verirrte Wüstenhexen oder dunkelgrüne Säulenkakteen, die in einen blauen Himmel ragten. Ben´s Blick streifte einen alten Schuppen, vor dem ein verrostetes Autowrack gammelte und um welches sich umgestürzte Ölfässer ratlos drapierten. Ein heißer Wind fegte über die belanglose Landschaft Staub vor sich her.

Aus der Ferne hörte Ben den Verkehr einer Schnellstraße. Das Signalhorn einer Diesellokomotive hob sich von dem Auf- und Abschwellen des Straßenverkehrs ab. Ansonsten war es still. Bis auf den Wind, war es sehr still.

Bens pinkfarbenes, durchgeschwitztes T-Shirt, ziert ein erdbeerrotes Pac-Man, welches dabei war ein hellblaues Pixel auf zu fressen. Die guten alten Pac-Man-Zeiten sind für immer vorbei!

Die Sonne hatte den Zenit bereits vor mehr als zwei Stunden überschritten. Sie wird noch bis die Nacht hereinbricht, Stunden auf diese Leere brennen. Noch kriecht die Hitze in jeden schattigen Winkel. Ben´s Herz pochte schwer. Angst, Hitze und Durst begannen ihm sein schwer zu machen.

„Waren Sie schon hinter mir her?“ Fragte sich Ben. Die Sonne hämmerte den Schweiß aus seinem Körper. Noch dürften sie keine Lunte gerochen haben. Er rannte weiter.

Ben musste stehen bleiben, um mit dem Atmen hinterher zu kommen. Schon immer hasste er die Hitze und er vermied es normalerweise, sich unnötig darin auf zu halten. Aber das konnte er sich jetzt nicht heraussuchen. Im Gegenteil, er war gezwungen so schnell als Möglich diesen Ort zu verlassen! Mit einer Hand in der Hüfte, versuchte er den Körper zu beruhigen. Der wiederum wollte sich aber nicht beruhigen lassen.
Hoffentlich werden noch Stunden ins Land ziehen, bis mir diese Idioten auf die Schliche kommen. Dem Geld trauerte er nicht hinterher, aber er kannte jetzt ihre Gesichter und sie natürlich auch Seines. Grund genug um von hier zu verschwinden.
Wo wird der Ort sein, an dem er in Sicherheit ist? Wenn er Glück hatte, könnte er in zwei Tagen den Norden erreichen. Dort wird er ein Leben führen, wonach er sich immer gesehnt hatte. Eigentlich war Ben eine Welt, in der man ihn fallen lässt, unbekannt. Das war ihm fremd, genauso fremd wie diese Gegend. Bis jetzt war immer Jemand für ihn da gewesen, der, wenn es brenzlig wurde, ihm aus der Klemme helfen konnte.
Das Beste wäre, auf eine dieser Greyhound-Haltestellen zu stoßen, in einen Bus zu steigen und schon wäre er weg. In Richtung Norden wäre er unterwegs. War er erst mal im Norden, wäre es überhaupt kein Problem bei einem Freund unter zu tauchen. Nur solange wie nötig, bis die Angelegenheit sich beruhigt hatte. Irgendwann könnte er sich dann nach Mexiko oder, noch besser nach Europa absetzen. Aber noch war er weit davon entfernt. Mehr und mehr vom Durst geplagt, stand er schweiß gebadet in dieser erbarmungslosen Welt. Noch befand er sich nicht in Europa noch im Norden oder Mexiko, sondern irgendwo zwischen Utah und Nevada, an einem Gott verlassenen Ort ohne Wasser. Das Alles wird ihm mit einem Mal bewusst. Wasser ist hier die Wichtigste Sache überhaupt, daran hatte er nicht gedacht! Er war einfach davon gerannt. Alles würde er dafür geben, jetzt das lauwarme Wasser zu trinken, das ihm noch vor zwei Tagen so fürchterlich geschmeckt hatte. Seine Plastikwasserflasche liegt bestimmt noch auf dem Bett. Wieso hatte er sie nicht einfach mit genommen? Nun war es zu spät.

Das T-Shirt hing aus seiner Jeans. Wie unwichtig daran zu denken, das er diese Hose vor zwei Wochen mit Kathleen zusammen in New York gekauft hatte. Und dennoch, er dachte daran weil sie danach in einem Café saßen und er ein Glas kaltes Mineralwasser mit Eiswürfel und einer Scheibe Zitrone darin gedrungen hatte. Kieselsteine knirschten unter seinen Sohlen. Jetzt würde er die Jeans gegen eine abgestandene Pfütze eintauschen und seine Turnschuhe würde er noch obendrauf gegeben. Alles für eine Pfütze.

Hoffentlich wird es bald dunkel, denn in der Nacht sinkt die Wahrscheinlichkeit entdeckt zu werden, außerdem ist es dann kühler und dann spart man Flüssigkeit die zunehmend kostbarer wird. Wieder und wieder schaut er auf seine Uhr. Der Zeiger schien sich nicht von der Stelle zu bewegen, aber wenn er seine Uhr dicht an das Ohr hielt, war es das selbe Ticken wie er es immer zu hören bekam.

Wie um sich ein letztes Mal zu vergewissern, machte er einen 360 Grad Schwenk. Niemand weit und breit in Sicht. Um seinen Herzschlag zu beruhigen, kontrollierte Ben seine Schritte und ging langsamer. Er entfernte sich von diesem namenlose Ort. Die Kleinstadt viel in Richtung Horizont zurück. Wie beruhigend die Einsamkeit sein konnte! Die eingeschlagene Richtung nicht aus den Augen verlierend, steuert er auf ein hoffentlich bald erreichtes, mit allen nur erdenklichen Annehmlichkeiten ausgestattetes Ziel.

Schwitzend und immer durstiger brachte er Schritt für Schritt, Meter für Meter hinter sich. Er durchkreuzte die schmalen Schatten von hoch gewachsenen Kakteen und aus der Erde ragenden Felsbrocken. An eine Pause war nicht zu denken. Es lag noch ein viel zu weites Stück Weg vor ihm. Noch war weit und breit keine Haltestelle oder Vergleichbares in Sicht. Eine einigermaßen befahrene Straße, die aus dieser verstörenden Gegend führt, wäre gleichfalls eine gute Option. Aber so was war genauswendig zu sehen. Nichts ausser Hitze und Steine, die ihm den Weg in die Freiheit versperrten.

Ben erinnerte sich an ein Seminar, das er an seiner Universität besuchte. Thema war: “Wie werde ich mit Stress in Prüfungssituationen fertig?” Vielleicht lies sich dieses Wissen, auch auf seine Situation anwenden? Er überlegte wie diese Sache- positive Suggestion genannt- auf seine Lage Anwendung finden könnte. Grob gesagt, ging es dabei um Gedankenkontrolle. Wie ersetzt man Negative durch Positive Gedanken. Ben konzentrierte sich. Er versuchte seinen ungezügelten Gedankenstrom fest zu halten. Aber es war, als würde er mit einer Gabel Suppe essen. Gedanken festzuhalten war gar unmöglich. Wie sollte er in diesem Chaos, etwas Negatives durch etwas Positives ersetzen? Verwirrt und hungrig nach Wasser, stiert er mit schweiß nassem Gesicht und wässrigen Augen, auf einen viel zu weiten verschwommenen Horizont. Etwas in seinem Inneren sehnte sich nach Ruhe, nach Stillstand. Ein heftiger Impuls in Richtung Aufgeben? Er könnte einfach aufgeben- nicht wahr? Dieser Gedanke machte ihm Angst. Zweifellos ein negativer Gedanke. Wer sagts denn, Er hatte einen identifiziert. Jetzt musste er ihn nur noch durch einen Positiven ersetzen. Gelänge ihm dies, würde sein Leben wieder die gewünschte Balance finden. Der erste positive Gedanke, der ihm in den Sinn kam, war komischerweise ein Werbeclip. Aber das war gar nicht so komisch, denn für Werbeclips hatte er sich schon immer begeistern können. In der Gegenwart von Werbung fühlte er sich seltsamerweise meistens wohl und sicher.

Es half alles nichts, während er den salzigen Schweiß aus dem Gesicht rieb und anschließend die Hände an der Hose ab wischte, träumte er von Werbeclips. Er sah ausschweifende Frauen, überschwängliche Männer, einfach nur irrsinnig gut gelaunte Menschen und vor allem- er träumte von gekühlten, in großen Gläsern abgefüllten Erfrischungsgetränke in denen Eiswürfel und Zitronenscheiben herum schwammen. Zu den Werbeclips gesellten sich Erinnerungen wie er als Kind, für seinen Vater Bier einkaufen war und unterwegs eine Flasche fallen gelassen hatte- er sah wie die Flüssigkeit im Strassenrand versickerte. Eine irgendwie wirkungslose Welt der Bilder. Komischerweise dachte er auch an seine Tante Margret, er sah wie sie ihm und seinem zwei Jahre älteren Bruder grünes Wassereis aus einer Tiefkühltruhe griff und es ihnen mit einem strahlenden Gesichtsausdruck entgegenstreckte. Wie lange schon hatte er Tante Margret nicht mehr gesehen? Sein Blick verliert sich angewidert im Himmel. Weit oben sah er einige Vögel, vielleicht waren das Geier. Sie zogen epileptische Bahnen. Viele male hatte er in Filmen gesehen, wie Geier sich als Inbegriff der Aussichtslosigkeit in eine Geschichte hinein bohrten. Wer wird den längeren Atem haben– der Mensch oder der Geier? Auch wenn es Geier sind, die da über ihm kreisten und nur darauf hofften, er möge doch endlich erschlagen im Dreck liegen. Dann wären es sie mit dem längeren Atem. Ein negativer Gedanke! Nur Ein weiterer Werbeclip konnte dem abhelfen. Ohne Aussicht auf eine nette Erfrischung musste er bis jetzt noch nicht in einem Backofen herum wandern. Wann spielt der Verstand verrückt?

Der Ablenkung wegen suchte er in seinen Hosentaschen nach einem Streifen Kaugummi, seine Jacke lag in dem Zimmer in dem er die Nacht verbracht hatte und aus dem er Hals über Kopf getürmt war. Wie ein kleines Kind rannte er davon. Den Versuch eines Komplettausstieg hatte er unternommen. Aber das Leben besitzt keinen Notausgang. Diese Ahnung sitzt als ein dumpfes Gefühl mitten in seinem Hirn. Wie konnte es überhaupt soweit mit ihm kommen? Auf diese Frage wusste er beim besten Willen keine Antwort. Darüber herrschte eine Sendepause. Dafür schien auch kein Werbeclip zu existieren.

Das einzige das er fand war eine zerdrückte Zigarettenschachtel. Er zog aus ihr eine angerauchte Zigarette, die letzte des gestrigen Abends. Paralysiert steckte er sie in den Mund. Angewidert vom bittere Geschmack des Nikotins spuckte er sie aber wieder in den Wüstensand. Er dachte an den mutigen Marlboro-Cowboy, und an den abenteuerlustigen, keine Gefahr scheuenden Camel Safari-Mann. Es ist ihm zu Ohren gekommen, er sei gestoben. Der Marlboro-Cowboy wäre mit seiner Situation bestimmt spielend fertig geworden, sicher auch der Camel Safari-Mann. Aber der lebte ja nicht mehr. Vielleicht würde Ben auch bald nicht mehr leben. Der Gedanke widerte ihn genauso an, wie die ausgespuckte Kippe. Mit dem Unterschied, der Gedanke lässt sich nicht so ohne weiteres ausspucken.

Nun ging es darum allen Mut zusammen zu nehmen und einfach damit aufhören, sich von absurden Ängsten zermürben zu lassen? Das Einzige was ihm fehlte, ist ein tragfähiger Überlebensplan. Während der Schweiß immer noch aus allen Löchern floss, zerbrach er sich den erhitzten Kopf darüber, was die Zukunft mit sich bringt und wie er am Besten damit fertig wird. Aber nach Minuten des Kopf-Zerbrechens musste er aufgrund der zu großen Erschöpfung damit aufhören. Es war einfach zu anstrengend. Das Schlimme- so absurd waren seine Ängste überhaupt nicht– Still murmelte er vor sich hin: „Genauso gut kann ich hier vertrocknet in diesem Dreck liegen, keiner würde sich daran stören, denn niemand würde mich finden wenn ich hier krepiere!“ Dieses entsetzliche Ende konnte und wollte er sich nicht näher ausmalen. Wenn nicht bald was zu trinken bereit stand, wird dieses Ende mit jeder Sekunde wahrscheinlicher. Hektisch versuchte er einen beruhigenden Gedanken zu finden, ein Werbeclip bot sich an. Zwei jugendliche schlendern über ein Baseballfeld, der eine wirft dem Anderen eine Dose Sprite zu– Schnitt– ein überaus perfekter, hart glänzender Frauenkörper steht unter einem Wasserstrahl, eine Hand reibt grünes Gel auf einen Oberschenkel, das glasklare Lächeln zerschneidet einen ebenso glasklaren Himmel in viele feine Scheiben.

Zerknirscht dachte er an Kathleen, seine Freundin und wie er noch letzte Woche mit ihr zusammen an einem Tisch beim Frühstücken saß. Vor ihr stand ein großes Glas Orangensaft. Ihm hatte sie auch Orangensaft angeboten, aber er wollte nicht, er lehnte ab. Beim Frühstück schob sie ihm ein Magazin über den Tisch. Es war ein ausgezeichneter Artikel eines New Yorker Designer darin zu lesen. Kathleens Meinung nach ist dieser Designer ein Genie als Mensch mit unglaublichen Ideen. Was im Artikel stand, hatte Ben vergessen. Aber an die kühl glänzende Oberfläche des Glases mit Orangensaft, daran konnte er sich erschreckend präzise erinnern. Ben sammelte in seinem Mund Speichel zum letzte Gefecht. Kathleen und Ben sind seit vier Jahren ein Paar. Kathleen dachte sogar an´s Heiraten. Ben hingegen wollte seine Freiheit und mied das Thema. Aber er zweifelte nicht daran Kathleen zu lieben. Das alles spielt jetzt überhaupt keine Rolle. Das einzig wichtige Thema in einer Wüste ist Wasser. Wenn er nicht schnell was zu trinken bekäme würde er demnächst verdursten. Er hätte keine Skrupel Kathleen für ein Glas stinkiges Pfützenwasser, an einen Zuhälter zu verscherbeln. Eine entsetzliche Vorstellung. Die Not kann das zivilisierteste im Menschen zu Nichte machen.

Wie er so müde und durstig durch die karge Landschaft stapfte, malte sich sein Verstand randvolle Wasserzisternen aus. Die Zisternen waren Randvoll mit kaltem Wasser und Kathleen schwamm nackt darin herum, ab und zu gesellten sich andere Frauen dazu. Gemeinsam veranstalteten sie ein Wasserballett. Die Hitze ist unerträglich. Er dachte, dass Beste wäre auf der Stelle verrückt werden. Er weigerte sich inständig, noch weitere Stunden des Elends zu ertragen.

Natürlich wusste Kathleen mit Ben umzugehen. Schließlich würde sie ihn vor den Altar zerren und ihm ein “Ja” aus seinem Hals entlocken. Es sei denn, er ist bis dahin vertrocknet. Ab und zu hatte sie ihn zur Rede gestellt „Du hast nur Angst vor Nähe,“ sagte sie in einem herausfordernden Ton. Ben schüttelte den Kopf „Nein,das ist es nicht!“ Kathleen packte sein Kinn und fuhr ihn scharf an „und was ist es dann?“ Ja diese Szenen haben was merkwürdiges an sich, wenn man dabei ist zu verdursten. Es scheint, als läuft alles auf ein einziges Wort hinaus, Überlebe!

Nach einigem Hin und Her beschloss Kathleen, sich mehr auf ihr Kariere als auf Ben zu konzentrieren. Sie reiste nach London. An der Universität besuchte sie das Seminar: “Sozialisierung und alternative Projekte im Zeitalter der Globalisierung”. Ben überraschte ihre Entscheidung überhaupt nicht. Im Gegenteil, er fühlte sich darüber sogar Erleichtert.

Wie traurig hier mutterseelenallein ins Gras zu beißen. Ohne Abschied, ohne ein letztes zu hören: „Ich liebe Dich Ben!“

Aber dann erinnerte sich Ben an einen Bericht, den er auf CNN über Menschen gesehen hatte, die in wirklich bedrohlichen Situationen über sich hinaus gewachsen waren. Menschen, die es geschafft hatten zu überleben. Obwohl die Chancen sehr schlecht standen. Ein junger Chinese zum Beispiel trieb drei Wochen auf dem indischen Ozean herum, ohne Wasser oder Essen. Schließlich fand man ihn unversehrt und quietschfidel in seinem Schlauchboot sitzen. Die größten Vollidioten konnten über sich hinaus wachsen. Sie schafften es am Leben zu bleiben. Zum Glück hatte er ein großes Stück Weg hinter sich gebracht. Wenn er das schaffen konnte, wird er auch noch den Rest erledigen. Aber wenn er den Rest nun doch nicht schafft? Die leise Stimme des Zweifels zerfrass sein Selbstwertgefühlt.
Aber von diesen Stimmen lässt man sich nicht in die Knie zwingen, die haben nichts zu sagen? Schließlich geht es immer weiter, in eine Richtung, in meine Richtung! Wer sagt, dass keine Greyhoundstation auftauchen wird? Ist diese Stimmen einfach nur eine Hürde des eigenen Verstandes, die man gekonnt um segeln musste? Die Umgebung erschien ihm in dieser flimmernden Atmosphäre unwirklich, als würde sich sein Bezugspunkt zur Welt langsam in nichts auflösen.

„Das Wichtigste ist, dass ich diese Spinner abgehängt habe,“ flüsterte Ben, als müsste er sich selbst von der Richtigkeit seines Tuns überzeugen.

Hat man die Sonne im Rücken, so bewegt man sich in Richtung Norden. So ist das doch? Wenn er diese Richtung beibehält müsste er irgendwann auf die Zivilisation stoßen. Am Himmel treibt eine Federwolke dahin.

Zwei Stunden später. Er hatte es von seiner Uhr abgelesen. Ben kontrollierte seine Zeit. Er hatte den Eindruck, dass es voran ging. Dabei war es genau anders herum. Vor Erschöpfung lies er sich auf die Erde fallen. „Nur eine kurze Verschnaufpause“ beschloss Ben. Er zog sein T-Shirt aus und wickelte es sich um den Kopf. An rechten Oberarm schimmerte seinviolettes Tatoo. Ein homogener Schweißfilm liess den Oberkörper glitschig erscheinen. Während er an sich herab schaute, räsonierte Ben “Das kostbare Wasser”. Er steckte einen Finger in seinen Bauchnabel, darin hatte sich warmes Wasser gesammelt. Er schob ihn in den Mund- “Salzig!” Dann griff Benn eine Hand voll Sand und warf ihn gegen den Himmel. Die kleine Staubwolke verteilte sich bis zur Unsichtbarkeit. Der Wind sorgte zwar für eine leichte Abkühlung und obwohl die Sonne zwischenzeitlich ihre Intensität verloren hatte, steigerte sich sein Durst ins Unermessliche. Hier konnte er nicht länger sitzen bleiben. Sein Mund wird zum Abbild der Wüste. Ein Ohr begann seltsame Geräusche zu produzieren. Ignoriere es! Befahl sich Ben. Ich muss eine Busstation finden! Ben stand aufm und wankte wie ein betrunkener Matrose. Er band seine Uhr vom Handgelenk und steckte sie in die Hosentasche. Es sah aus, als wolle er die Zeit aus dem Leben reißen.

Nach einer gewissen Zeit beruhigten sich seine Gedanken. Die Schritte erzeugten einen Rhythmus, der eine ermutigende Wirkung hatte. Wie er vor sich hin trottete und seinem Ohrsausen lauschte, malte er sich aus, wie er seine Exfreundinen in Reih und Glied vor einen großen Swimmingpool aufstellte. Und wie er sie mit einem Sturmgewehr erschoss. Das Entzücken über eine große, dunkelrote Wolken und den herumspritzenden Fleischstücke war kaum zu unterdrücken. Kleine Menschenteile tauchten mit einem hinter sich her ziehenden Blutschweif auf den Grund. Ben kratzte sich eine juckende Kruste von seinem Kopf. Er brauchte dringend Wasser! Als erste erschoss er Susanne, das war seine große Liebe gewesen. Mit 16 hatte er sie gelernt und war zwei Jahre mit ihr zusammen. Er schoss ihr ins Gesicht. Dann Natascha, die war recht gut im Bett. Ihr schoss er zuerst in den Bauch, dann ins Gesicht. Als nächstes war Amanda an der Reihe. Die erledigte er, in dem er ihr erst in beide Knie schoss und wie sie wimmernd am Boden Blut spuckte, schoss er ihr einige male in den Brustkorb. Nie und nimmer hätte er es für möglich gehalten, jemals einen derartigen Durst zu haben. Aber noch konnte sein Wassermangel keine ernsthafte Bedrohung sein. Waren es nicht zwei Tage, die ein Mensch ohne Wasser überleben konnte? Die restlichen Frauen erledigte er in einem Atemzug. Blut, Fleisch und Knochensplitter wirbelten über den gepflegten Rasen und besprenkelten die Wasseroberfläche des Pools. Eine Frau überlegte Ben, würde er gern an einem Obstbaum binden. Er setzte sie auf ein Pferd mit der Schlinge um ihren schlanken Hals. Er gab dem Pferd einen leichten Klaps auf den Hintern und schon zappelte Samantha am Hanfseil und starb ihr Leben über einer blumig duftenden Wiese ganz zu ende. Zwei Tage ohne Wasser? Bestimmt wird er bald auf eine Straße stoßen. Er könnte versuchen ein Auto anzuhalten, sicher würde man ihn in die nächste Stadt mit nehmen. Man würde ihm Wasser anbieten. Trinken so viel er will. An einer Tankstelle könnte er sich eine eigene, gekühlte Wasserflasche kaufen. Sogar Zwei oder Drei könnte er kaufen.

Sicher, es war auch möglich, dass nicht die Greyhound sondern eine andere Linie Richtung Norden fuhr. Wenn es keine Greyhound Linie ist dann eben eine Andere. Eine seltsame Verdopplung seiner Gedanken stellte Ben fest. Alles was er dachte, dachte er zweimal. Wurde zweimal gedacht. Von wem? Von ihm?

“Wo habe ich nur meinen Studentenausweis?” überlegte Ben. Seit drei Jahren studierte er vergleichende Literaturwissenschaften an der selben Uni an der er auch Kathleen kennen gelernt hat. Sie besuchten zur selben Zeit ein Seminar über Kommunikationstheorie. Sein Mobiltelefon steckte in der Innentasche seiner Jacke. Die Jacke liegt hatte er liegen gelassen. Es sind bestimmt ne Menge Anrufe in Abwesenheit eingegangen. Sein bester Freund Justin aus New York war sicher der erste gewesen. Aber die bittere Pille der Geschichte- keiner wird zu diesem Zeitpunkt ernsthaft daran denken, er sei in Gefahr. Am wenigsten Kathleen, die jetzt gerade mit einer Freundin in einer Bar sitzt und an einem Röhrchen herum saugt, im Bett unzusammenhängendes Zeug träumt oder an etwas anderem saugt.

Er war offensichtlich vom Rest der Menschheit getrennt. Eine neue Erfahrung für Ben. Und wenn es schlecht läuft auch noch die Letzte.

Und das alle nur, weil er vor einer Woche diesen Kerl in V angelabert hatte. Nur desshalb müsste er jetzt in dieser unwirklichen Landschaft jämmerlich verdursten. In einem Land verdursten, das von Coca Cola überschwemmt wird, bis zum Hals darin badet ist grotesk. Wie schnell sich Lebensumstände ändern können! Einmal nicht aufgepasst und schon hat man sein Leben verhunzt. Gut möglich, das er in zwölf Stunden nicht mehr am Leben ist! Auf derlei existenzielle Situation war Ben nicht vorbereitet, nie hatte er sich ernsthaft mit so einem Fall beschäftigt. Was hätte er auch tun sollen? Das tibetanische Totenbuch lesen? Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte Kathleen eine Nachricht hinterlassen oder seiner Mutter bescheid sagen wohin er fährt. Es waren ja offensichtlich zwielichtige Figuren denen er gefolgt war. Auf der anderen Seite, wenn er jetzt sterben muss, war das alles eh egal. Auch wenn irgendwo eine Nachrichten von ihm liegen würde, so träge das höchstens dazu bei, das man seine Leiche leichter findet. Insofern war es völlig egal. Aber er wollte jetzt nicht sterben! Er musste daran denken, wie er Kathleen mit einer Motorsäge in zwei Teile zersägt und beide Teile danach falsch zusammennäht, so das ein Fuß nach oben und der Andere nach unten zeigt. Wie komisch Kathleen dann aussehen würde.

Er spuckt das Kostbarste das er noch besaß in den Sand- Speichel! Mit seinen fiebrigen Augen und dem summenden Ohr schaut Ben tief in den Horizont. Das Erstaunen war nicht gering, als er einen schwarzen Punkt ausfindig machen konnte. Dieser kleine schwarze Punkt wurde auch noch mit jedem Schritt größer! Langsam entwickelte der Punkt Form und Kontur. Die Umrisse eines Objektes, eines Schuppens, einer verlassenen Werkstatt wurden klarer! Ben rannte trotz Erschöpfung darauf los. Dabei verschwendete er wertvolles Wasser. Reine Energie. Beim rennen dachte er an das erfrischende Wassereis aus Tante Margret Tiefkühltruhe. Die Füße brannten und sein Mund ertaubte durch die Trockenheit. Der Körper erschien distanziert. An manchen Stellen fühlte sich die Haut an, als sei sie aufgeplatzt. Die Mundwinkel waren bereits eingerissen.
Wenige Meter vor dem Schuppen machte er langsamer. Nur noch Schrott, bizarre verbogene Metallgegenstände, verrostete Teile eines Autos, Felgen, Wellen, eine Tür, dunkelblaue umgekippte Plastik Fässer, einige Säcke mit unbestimmbarem Zeug und ein ausgebrannter Wohnwagen um den ne Menge Müll herum lag, Tassen, Teller und Krimskrams, fügten sich zu einem zeitgenössischem Kunstwerk zusammen. Seine Aussage bedeutete den eigenen Zerfall.

Das Geländer der zerstörten Veranda, größtenteils abgerissen, liegt verstreut am Boden vor dem Haus. Einige wurmstichige Holzlatten vermischten sich mit dem Sand. Völlig am Ende mit seiner Kräften, ließ Ben sich auf die Holzdielen der Veranda fallen. Der Wind ließ die Eingangstür knarzend auf und zu schlagen. Unweit des Hauses zog sich eine schlecht asphaltierte Straße aus östlicher in südwestlicher Richtung um in einem Nirgendwo aus Nichts zu enden. Vielleicht führt die Straße direkt in ein bewohntes Gebiet, eine Siedlung? Bens Augen blinzelten, angestrengt verfolgt sein Blick die Straße. Ein Weg führte direkt von der Straße zum Haus. Er musste aufstehen, er musste etwas trinkbares finden. Eine ölige Pfütze, eine alte Jauchegrube. Er durfte hier nicht liegen bleiben. Sein Herz schlug schwer und hilflos in seinem Brustkorb. Der einzige Trost- hier war er zumindest weit genug von den Typen entfernt. Weit von dem mit der braunen, quietschenden Lederjacke und dem Anderen mit diesem grauenhaften Hawaii Hemd. Noch vor Stunden saß er mit beiden am Tisch, er schlürfte an einer lauwarmen Cola. Die Beiden tranken Bier aus der Dose. Sie hatten ihm gesagt, wo die Sporttasche abgestellt werden soll. Staub kitzelte in seiner Nase, Ben musste niesen.

Ben konzentrierte sich auf die Tür. Er bezweifelte, dass dahinter etwas Trinkbares zu finden sein wird. Sicher ist dahinter nichts als Müll und Dreck. Hier war schon lange keiner mehr gewesen. Müde und verzweifelt vor Durst und Erschöpfung zog sich Ben auf einen Holzhocker. Was würde er jetzt nicht alles für ein Wassereis von Tante Margert geben! Er versuchte sich zu beruhigen, sein letzten Kräfte zu sammeln. Hier aufgeben war ihm zu wieder.

Eine Schlange wand sich geräuschlos über den staubigen Weg. Ben schaute ihr hinterher, dann verlor er das Interesse an ihr. Blind stierte er den Boden an. Das Interesse für die Umgebung stirbt als erstes. Er hatte nur noch Durst!

Zu allem Überdruss entdeckte Ben neben einer der ausgekippten Tonne einen Cowboystiefel. Plötzlich hatte er das Gefühl, das die gesamte Befindlichkeit der Welt dieser Stiefel verkörpert. Es tritt der Marlboro-Cowboy an der Hand des Camel Safari-Mann auf die Straße. Ben erkennt, dass dem Marlboro-Cowboy ein Stiefel fehlt und das seine blauen Socken löchrig sind. Die Peinlichkeit stand beiden ins Gesicht geschrieben. Es ist peinlich auf diese Weise krepieren zu müssen.
Obwohl klar war, dass hier kein Wasser zu finden sein wird, stand er trotzdem auf und ging in den Schuppen. Hier hatte es nie fließendes Wasser gegeben. Selbst als noch Leute hier was zu suchen hatten diesen.

Halb ohnmächtig vor Durst stand nun Ben regungslos in einem abgedunkelten, mit abgestandener Luft angefüllten Raum. Wie nie verheilende Wunden, klafften Spalten am Boden, die rücksichtslos das ohnehin spärliche Licht verschluckten. Güldene Lichtbalken, durchdrungen von Staub als sichtbares Chaos. Ben sammelte Speichel im Mund, er gierte nach Flüssigkeit. Er stand kurz davor richtig durch zu drehen. Aber selbst dazu fehlte es ihm an Kraft. Wann hatte er das letzte Mal getrunken? Wann hatte er das letzte Mal getrunken? Kurz bevor er das Zimmer verlassen hatte, da trank er noch etwas aus Wasserflasche. Angeblich sind es drei oder doch nur zwei Tage, die man ohne Wasser überleben kann. Es waren bei ihm nun schon mehr als 10 Stunden her, als er das letzte mal getrunken hatte. Diese Stunden erschienen ihm wie drei Wochen. Was war nur los mit ihm? Zehn Stunden sind doch keine drei Tage, wieso sich überhaupt Sorgen machen? Dennoch durchbohrte der Durst jede seiner Zellen und saugte jedes My an Flüssigkeit heraus. Der Wind schlug die Tür zu und Schatten von herabhängenden Ketten tänzelten an den Wänden wie lächerliche Greise herum. An den Ende der Ketten waren verrostete Haken befestigt. Neben Ben am Boden klebte der Rest eines mumifizierten Vogels. Eine Leblosigkeit die ans Leben erinnert. Wahllos verstreute Dinge. Glassplitter, irgendwelches Gerät, verkrustete, zusammen geknüllte Tücher, vergilbtes Papier, Zeitschriften, Blechdosen. Unter dem einzigen Fenster lagen die Überreste eines ausgeweideten Fernsehgerätes. Und das war das erstaunlichste. Neben einem verstaubten Metallregal stand die Luke einer Bodenfalltür, die als Zugang in einen Keller diente, offen. Im Regal stapelten sich die Gegenstände. Ben stierte auf die Bodenklappe. „Vielleicht gibt es einen Brunnen da unten“ dachte er. Ben wollte schon auf die Falltür stürmen, wie er aus einem weit entfernten Traum das Geräusch eines Fahrzeug zu hören bekam. Das Geräusch wurde lauter. Wie auf Knopfdruck sprang Ben zurück auf die Veranda. Er versuchte etwas in der Richtung, aus der das Geräusch zu ihm drang, erkennen zu können. Er schaute die Straße entlang und entdeckte schließlich am äußersten Zipfel einen kleinen flimmernden, hellen Kastenwagen. Er bewegte sich auf ihn zu. Im ersten Moment konnte er seine Freude kaum unterdrücken. Er sah die vielen vollen Wasserfalschen, die Dosen mit kaltem Bier. Aber im selben Augenblick schon, musste er an den miesen Typen mit der braunen Lederjacke denken. Was wenn es die Typen sind? Verstört schaute er sich nach einem Versteck um. Er wollte mit diesen Leuten nichts mehr zu tun haben. Der Schreck Energiereserve frei gesetzt. Überraschend verschwand für einen Moment der Durst und die Ohnmacht. Geschäftig und aufgeweckt entdeckte Ben einen rostigen Container. Er lag schräg hinter dem Haus und könnte als Versteck in Frage kommen. Im Schatten des Hauses schleppte er sich dorthin. Direkt daneben stand ein wirr gewachsener Ocodillo, zwischen seinen langen Stacheln war es ihm möglich das Haus zu beobachten. Wenn er sich nicht bewegte, blieb er ganz still, hörte er den reisenden Fluss durch seinen Kopf strömen. In ein Ohr hinein und aus dem Anderen hinaus. Er hatte Schwierigkeiten bei der Sache zu bleiben. Zusätzlich zu den körperlich und geistigen Beschwerden kam nun eine entsetzliche Müdigkeit hinzu. Die Vorstufe zur Ohnmacht? Bewusstlosigkeit wäre jetzt nicht gerade die beste Lösung, überlegte Ben. Aber noch gehorchte sein Körper.

Ein weißer Kastenwagen mit der blauen Aufschrift “Fistels Electronic“ kam zum stehen und wirbelte hinter sich eine hellbraune Staubwolke auf. Ben drückte sich fester an das heiße Metall und wartete. Kurz darauf hörte er wie eine Handbremse angezogen wurde. Er versuchte Genaueres zu erkennen. Das Haus lag jedoch dazwischen. Die Sicht war eingeschränkt. Außerdem wollte er nicht entdeckt werden. Kurz war es still. Es war die selbe Stille, nur mit einer unbehaglicheren Wirkung.

Die Wagentür wurde geöffnet und das knirschen von kleinen Steinen unter einer Sohle war zu hören. Kurz konnte er einen Menschen hinter der Hausecke sehen, vermutlich war es ein Mann. Dann eine weitere Wagentür, sicher die Hecktür. Der Mensch schien aus dem Laderaum etwas heraus zu zerren.

Als wäre nicht schon alles schlimm genug, musste Ben mit an sehen, wie ein Mann eine weitere Person mit Jute Sack überm Kopf, mit Gewalt in das Haus hinein schubste. Bens verlangen nach Wasser löste sich für einen Monet in nichts auf. Die zwei Personen schienen im Haus zu sein. Ben sah eine Silhouette am Fenster. Ein Gesicht das zu einem kahl geschorenen Kopf gehörte, drehte sich direkt in seine Richtung. Im gleißenden Licht der Sonne schimmerten Brillengläser. Dann wurde das Fenster geschlossen.

Über diesen Tatbestand völlig verwirrt, presste sich Ben noch fester gegen den Container. Das geschlossene Fenster absorbierte der Unglaublichkeit wegen noch eine Zeitlang Bens Aufmerksamkeit. Schweißtropfen rannen über seine Stirn und ergossen sich brennend in seinen Augen. Verblüfft war ihm klar, das es zwar nicht die Typen waren, aber es dennoch überhaupt nichts gutes bedeutet, was er da eben gesehen hatte. Natürlich konnte er hier nicht ewig sitzen bleiben und herum starren. Er musste etwas tun. Zurück in die Stadt laufen war undenkbar. Er würde unterwegs einfach tot umfallen. Er schaute sich den Ford an. Das war die einzige Lösung. Er musste sich den Wagen unter den Nagel reißen. Koste es was es wolle! Wobei es natürlich nicht zu viel kosten darf. Nun hatte er klares Ziel vor Augen. Mit diesem Ziel, diesem Fluchtpunkt müsste sich diese Pein überwinden lassen. Damit würde er aus dieser Hölle in den ersehnten Norden kommen. Im Norden wartet das Leben auf ihn. Dieser Ford wird seine Fahrkarte dorthin sein. Denn ohne Fahrkarte kein Entkommen. Ohne Fluchtpunkt kein Entkommen. Ben sah sich schon mit einer vollen Wasserflasche in der Hand und herunter gekurbeltem Fenster am Steuer des Wagens sitzen und wie er die Wüste durchquert. Wie er in Sicherheit ist und am Radio nach einem guten Sender schraubt. Aber dazu müsste er sich aus diesem Versteck wagen. Er sammelte Mut und schlich zur Hauswand, dort angekommen kroch er dicht an der Wand unter dem Fenster in Richtung Ford. Wenn wenigstens eine Wasserflasche im Auto liegt. Nur eine Wasserflasche! Er wagte es und zog sich an der Kannte des Fensters langsam nach oben. Das schweißnasses Gesicht ragte über den Fenstersims und Ben starrte in die schwarze Öffnung in den abstoßenden Raum. Die Bodenfalltür schien geschlossen zu sein. Es sah aus, als wäre der Wahnsinnige mit seinem Opfer im Keller verschwunden. Er wollte nicht wissen, was da unten jetzt vor sich ging. Langsam lies er sich wieder nach unten gleiten und schlich bis an die Fahrertür.

Die Tür war zum Glück offen. Und was für ein Glück. Was für ein Segen, eine Wasserflasche mit Wasser lag auf dem Beifahrersitz. Niemand begibt sich ohne Wasser in eine Wüste, nicht mal Wahnsinnige tun so etwas. Ben öffnete die Wagentür und stieg in das Auto. Sofort griff er nach der Wasserflasche. Hastig und gierig trank er die Flasche leer. Das Wasser schien in seinem Körper zu explodieren! Wann er das letzte mal solch einem Glücksgefühl begegnet war, konnte er nicht sagen. Er saß nun in einem Fahrzeug und saß seinen Fluchtpunkt klar vor Augen. Er konnte nun fahren wohin er wollte. An den Ort, an dem das Leben ihn umarmen wird. Kathleen könnte nachkommen. Alles kein Problem mehr. Seine freie Hand griff schnell in Richtung Zündschloss. Die Andere zerdrückte die Wasserflasche. Die Hand griff jedoch ins Leere. Bens Kopf schreckte hysterisch auf. Die Zeit zerstäubte. Fassungslos musste er das Gesicht, das zu dem kahl geschorenen Kopf gehörte wahr haben. Weiß Gott wie lang das schon regungslos durch die Fensterscheibe sein Tun verfolgte. Das knarksen der Wasserflasche zerlegte den Augenblick in akustische Signale. Hinter den Brillengläser sahen zwei klare, hellblaue Augen Ben´s erstarrte Hand. Die Augen gehörten demselben kahl rasierten Kopf. Bens Hand gab nicht auf, sie nahm die verzweifelte Suche nach einem Autoschlüssel wieder auf. Sie suchte nach dem selben Schlüssel, das dieses Gesicht mit Brille zwischen zwei lange, blutverschmierte Finger hin und her baumeln ließ. Ben starrte auf den baumelnden Schlüssel. Der Fluchtpunkt zerfiel, er löste sich in viele kleine Punkte auf und wurde durch ein ungerechtes, dumpfes, schweres Nichts ersetzt.

Die Werbeclips haben sich in den Jahren sehr verändert dachte Ben. Kleines Haus am Meer mit Garten wäre auch ganz schön dachte Ben. Jamie Rose ficken oder lieber doch nicht Jamie Rose lieber Alice Hanson ficken dachte Ben. Wer ist überhaupt Jamie Rose dachte Ben. Nie wieder Kino mit alten Filmen dachte Ben. Der Schlüssel in der Jacke dachte Ben. Noch zwei nein drei dachte Ben. Frau Smith war letzten Sommer gestorben. Marlboro Mann. Marlboro Mann sitz auf totem Camel Mann und lutscht ein Wassereis dachte Benn. Ich habe Durst. Ich habe immer noch sehr viel Durst, dachte Ben.