
Leseprobe Roter Salon Nr. 02
© 2009 Marco P. Schott
Das Spiel – ein Lebens-zusammenfassungs-Modell
Die Tore sind verschlossen, die Spieler bereit, es gibt keine Würfel, die Spielregeln sind bekannt, werden mit der Zeit aber vergessen.
Das Spiel wird gespielt. Pausen existieren nicht. Das Spiel gilt als verloren, wenn jemand seine Identität entweder satt hat oder sich nicht schnell genug eine Neue einfallen lässt. Das Feld ist in jedem Fall zu räumen! Eine Räumung kann Kommentarlos oder lauthals von statten gehen, aber sie findet immer statt. Gewalt ist im Spiel eine Variante seine Identität zu erhalten, ist aber keine Garantie das Ziel auch zu erreichen. Es gibt Figuren, die behaupten sie besitzen das Monopol auf Gewalt, das kaufen ihnen die andren Figuren entweder ab oder sie kaufen es ihnen nicht ab. Diejenigen die es ihnen nicht abkaufen werden in manchen Fällen solange davon überzeugt, bis sie es ihnen abkaufen. Es kommt vor, das diese Figuren nach dieser Prozedur nach einem neuen Spiel verlangen, oder sie es ihnen immer noch nicht abkaufen.
Wenn A das Spiel betritt, so steht ihm B gegenüber und umgekehrt. Wenn B das Spiel betritt steht ihm A gegenüber. C und D können hinzu kommen, müssen es aber nicht. Aber das Gegenüber ist immer Teil des Spiels. Spiele werden mit der Zeit komplexer. Es ist üblich, dass die Spieler die Regeln und den Überblick aus den Augen verlieren. Ausgesprochen komplexe Dinge besitzen die merkwürdige Eigenschaft, von Figuren angebetet zu werden. Eine Spielvariante: A, B, C und D versuchen die höchste Spielebene zu erreichen, wohingegen E, F, G und H nach einem Keller forschen. Treffen sich beide Gruppen nun auf ihrem Weg in einem Treppenhaus, sagen die Figuren jeweils auf ihre persönliche Weise– “komm mit!”. Zu guter letzt stehen die Figuren B, C, H und F auf einem Dachboden, wohingegen im Keller die Figuren A, B, D und G herum lungern.
A überredet B und D überredet C zur Kollaboration. Worauf auch immer diese Überredungskünste hinaus laufen. Damit das Spielt weiter gehen kann, sind viele Konstellationen, viele Kombinationen denkbar und möglich. Die Erfolgreichsten sind nicht immer die Besten, aber die Besten sind meistens erfolgreich. Das Spiel “Alle gegen Alle” mischt einfach die Karten– danach kann neu ausgegeben werden. Es gibt ne Menge Figuren, die einen Wege zu den höchsten Spielebenen suchen. Entweder tun sie das alleine oder als Gruppe von Figuren. Angenommen A gewinnt B als Komplize und sie bestreiten von nun an gemeinsam den Weg in diese schwindelerregenden Höhen, könnte wie aus heiterem Himmel F auftauchen und beiden den Weg in den Keller schmackhaft machen. Das Spiel besitzt seine Tücken, ist ab und zu gemein und ab und zu lustig, aber auch derweil tröge und nicht selten dumpf. Im geheimen planen alle Spieler das Spiel irgendwie zu verlassen!
Das Spielfeld könnte man sich als einen beliebig großen Raum vorstellen, der Raum ist in Ebenen zerlegt, die Ebenen sind durch Schächte, Treppen, Fahrstühle, Leitern und Feldern– entweder miteinander verbunden, oder von einander getrennt.
Auf jeder Ebene gibt es die Figuren die Andere Figurem dazu überreden, bestimmten Regeln zu folgen oder mit bestimmten Regeln zu brechen. Wo sich die Figuren gerade befinden, wissen nur die Figuren. Jeder Raum, jede Ebene besitzt ein begrenztes Kontingent an Spielern. Es gibt die Möglichkeit, sich für ein neues Spiel anzumelden. Die Bewerbungsformulare liegen an den entsprechenden Stellen aus. Zum Ausfüllen der Formulare findet man gespitzte Bleistifte neben den Formularen an Schnüren festgebunden. Es gibt Figuren, die nur mit dem spitzen von Bleistiften zu tun haben. Das wäre dann ihr Spiel. Es existieren vielleicht hundert Tausend Spiele, vielleicht mehr vielleicht weniger, allerdings werden meistens nur tausend Spiele auf einer Ebene gleichzeitig gespielt. Mache Spieler behaupten, ihr Spiel sei das einzig wahre Spiel. Andere Spieler dementieren diese Behauptung und spielen Opposition.
Unrichtige Spiele können gespielt werden, müssen aber nicht gespielt werden. Wobei “richtig” zu spielen oftmals nur im mitleidigem Lächeln anderer Figuren endet.
In jedem Formular gibt es zwar viele Felder die es gilt anzukreuzen, aber die eigentliche Auswertung macht jeder Spiel nach jedem Spiel selbst. Es gibt Ausschreibungen, und Bewerbungen für die beliebtesten Spiele. Die Teilnamebedingungen und Auswahlkriterien bestehen nicht selten aus einer langen Kette von lächerlichen Demütigungen. Ein beliebtes Spiel anderen beim Spielen zu zu schauen, ändert überhaupt nichts am Spielausgang.
Einmal im Spiel ist die Chance auszusteigen so gut wie unmöglich, wird aber hin und wieder versucht. Es gibt Anträge um das Spiel zu wechseln. Wer diese Anträge bearbeitet, wo diese Bearbeitung statt findet und wie lange eine Bearbeitung letztendlich dauert, ist ein Mythos. Die Figuren die das Spiel, “in einem Wartezimmer warten” spielen, verlieren immer gegen die Zeit, nie gegen einen anderen Spieler.
Jedem Spieler wird zu beginn eines Spieles ans Herz gelegt, aufmerksam die AGB´s zu lesen, denn nachträgliche Beschwerden aufgrund von erfahrenem Unrecht werden mit dem Gesetz “mehr des Selben” quittiert.
Wenn man denkt, man stünde vor dem Eingang eines Spieles um eingelassen zu werden hat das Spiel meistens längst begonnen. Wie ein Spiel beginnt wissen die Figuren, selten wissen sie, wie man eines beendet. Jedes Spiel hat ein Ende und eine Eröffnung.
Auch ich bin ein Spieler und befinde mich gerade inmitten eines Spiels, genau genommen sitze ich auf einer kalten Parkbank und friere mir meinen Arsch ab. Es ist Herbst, und das Atmen erzeugt allmählich diesen Wasserdampf beim Ausatmen. Ich spekuliere und komme zu dem Ergebnis, das das Spielfeld der kaputten Figuren schrumpft, das Spiel hingegen schrumpft nicht. Ich analysiere den Zustand der Figuren, danach den Zustand meiner angenommen Identität. Ich modifiziere alles und nehme zur Kenntnis, das sich in dem Park, in dem ich gerade sitze und mir den Arsch abfriere, sich eine Menge andere Identitäten aufhalten. Anscheinend wird dieser Park sehr gerne besucht. Vielleicht wegen seinen Enten? Dem kleinen Tümpel? Der frischen Luft oder wegen der Gesellschaft der anderen Figuren? Während ich mir einige Figuren genauer anschaue werde ich das Gefühl nicht los, das dies alles nur eine schlechte Tarnung ist. Ihre Zustände sind nichts weiter als Tarnanzüge eines ehemaligen Spielers, der versteckt und hinterhältig auf ein neues Spiel wartet.
Wie sieht so was praktisch aus? Nachdem A, in dem Fall heißt die Identität vielleicht Heinrich K. das Spiel Schlaganfall erfolgreich zu Ende gebrach hatte und nun halbseitig gelähmt in einem Rollstuhl sitzt, um von B in dem Fall heißt die Identität vielleicht Marianne K. die das Spiel, ich überlebe Heinrich K. spielt und Heinrich K. stumm über den Kies schiebt, flattert eine Ente über den stillen kühlen See, wandern die letzten Ameisen todesmutig und ahnungslos zu ihren Winterquartieren, tief unter der Erde. Einige der Ameisen werden von den Rädern des Rollstuhles erfasst, überleben es aber größtenteils.
Das Spiel sieht manchmal grausam aus; ab und zu erscheint es einem als ob man sich einer Manns großen, gefräßigen Gottesanbeterin gegenüber sieht, die einen mit ihrem unpersönlichen Blick, ihrem ausdruckslosen Gesicht im Visier hat und man keinen blassen Schimmer hat, wann dieses Biest gedenkt zu zu schlagen. Man ist unschlüssig, ob man davon rennen oder verharren soll. Und hinter ihrem hellgrünen Chitinpanzer, flackert das Licht eines Notausgangschildes, das die wage Hoffnung auf Rettung verspricht.
Man stürzt derweil in diese Weltraumkälte. Erschreckt sich über diesen allgemeinen Maskenball. Ritzt gedankenverloren mit einem Stöckchen Hakenkreuze in den Kiesweg. Nein, man möchte nicht als Krüppel im Rollstuhl mit einer schwarzer Sonnenbrille auf der Nase von einer alten Schachtel herum geschoben werden, nur weil man denkt man hätte schon zu viel gesehen zu viel erlebt. Alle Regeln auf diese Weise vergessen, weil man angeblich zu müde ist, dieses Spiel noch eine Sekunde länger zu spielen. Man so tut, als hätte man den Faden verloren, man meint, man könne aus dem Spiel nicht aussteigen, bloss weil einem seine Identität so gründlich ins Gesicht genagelt wurde. Nur noch dazu bereit endlich diese letzte Schlangenhaut abstreifen zu können. Materialistisch seiner Wiedergeburt entgegen lechzt. Sich stumpf und bewusstlos stellt, nein das spiele ich nicht. Ich brauche keine Freisprechanlage!