Frank Booth
Marco Paul Schott – ©2009 Berlin
Frank Booth
und freie Assoziation über eine Figur aus “Blue Velvet”
Frank Booth, Jeffrey Beaumont, Dorothy Vallens und zwei andere Männer rasen mit 60 Meilen pro Stunde durch die Nacht- sie brettern mit einem heruntergekommenen Auto über die verlassene Bundesstrasse. Jeffrey Beaumont eingeklemmt auf der Rückbank zwischen den Typen , die vom Muschihimmel träumen, dabei fuchtelt einer mit seinem Messer vor Jeffreys Gesicht herum.
Die Rückbank eine Zwangsjacke, das zeitgenössische Purgatorium. Die Hölle, ein heruntergekommener Vauxhall. Am Steuer sitzt der Irrsinn. Die leibhaftige Psychose. Das Gas inhalierende Destillat psychophatologischer Ungereimtheiten, das auf den Namen Frank hört. Frank Booth- die Schlüsselfigur des Filmes, die verleiht dem Film Bedeutung, Kraft, tiefe und sogar Witz.
Will man es genau wissen, stopt man diese Szene, spult zurück und schaut sich diese Autofahrt immer wieder an. Eine schnelle Methode der Erleuchtung. Sie wird zwangsläufig eintreffen - weil man einfach in dieser Szene das grundlegende Geheimnis des Universums entdeckt. Den Kampf zwischen Liebe und Gewalt. Die Erleuchtung wird sich über eine heftige, elektrische Entladungen bemerkbar machen. Ihre Metaphysik- die Konstellation der Figuren. Fantastisch reduziert und deshalb absurd.
Frank Booth schraubt das Ventil seiner Gasflasche auf, er presst die durchsichtige Plastikmaske vor Mund und Nase und verzerrt das Gesicht zu einer Grimasse. Süchtig inhaliert er ein Gas. Es besitzt offensichtlich eine regressive Wirkung, Er spricht wie das zornige Kind, dem sein Spielzeug weggenommen wurde. In seinem Delirium verlangt er nach Dorothy Vallens Brustwarze, denn er sieht rot. Dann die Katastrophe- Jeffrey Beaumont schlägt Frank Booth angewiedert mit der Faust ins Gesicht. Der Moment, in dem sich Jeffry aus seiner Machtlosigkeit reisst und in einen Helden verwandelt. Der Wendepunkt, endlich das Aufbegehren gegen den Irrsinn. Die Szene gipfelt im Crescendo. Frank Booth hört mit dem schmutzigen Gefummel an Dorothy Vallens auf und schlägt Jeffrey in der selben Nacht noch zu Brei. Dabei tanzt eine bunte Nutte auf dem Autodach zu „The Candy Coloured Clown They Call them Sandman“. Ein irritierender, mit Lippenstift verschmierter Mund, im kreisenden Lichtkegel einer Taschenlampe beleidigt die Gefühle.
Der gute Junge von nebenan unter dem Einfluss der Psychose. Der ersehnte Muschihimmel. Eine Rückbank mit perversen Kriminellen. Das Paradies, komprimiert auf den Plural des weiblichen Geschlechts. Gewalt, die unstillbare Sehnsucht nach Sex. Die ungebrochene Stimme nach Reinheit, nach Unbestechlichkeit und der daraus resultierende Zwiespalt. Alles Dinge, die durch das Oszillieren von sich widersprechenden Verlangen erzeugt werden. Das Produkt, ein Desaster mit Gasmaske. Das nach bürgerlichen Kontrollinstanzen schreit.
Am Ende alles doch nur der Traum einer einzigen Person- die Angst des guten Jungen? Das Dilemma- diese vielen Widersprüche sind ein Paradoxon geworden.
„in youre dreams i walk with you, in youre dreams i talk to you“
Die verstörenden Elemente:
1. Der Muschihimmel
Der fiktive Ort der uneingeschränkten sexuellen Ekstase? Nichts ist verboten, alles erlaubt! Der innigste Wunsch desjenigen, der in einer unbefriedigenden Lage steckt und um sich herum nur die Ekstatischen Zustände der Lüste findet, die aber unerreichbar scheinen.
II. Die Autofahrt
Gewalt, Sex, Angst, Schmerz, Geschwindigkeit. Der Höllentrip. Das Leben. Die Autofahrt- vielleicht nur der Vorgeschmack einer ersehnten Flucht- der tragische Aspekt- die Beschränkung der Zweidimensionalität. Der amerikanische Traum- ein Ding der Unmöglichkeit- davor fliehen- genauso unmöglich! Immer wieder steht man am Ausgangspunkt.
III. Der Böse Clown
Der Böse Clown, das nordamerikanische Trauma. Ronald McDonald brach sämtliche Kinderherzen und löste keines seiner Versprechen ein. Zurück bleibt das jämmerliche Unbehagen. Wer steckt hinter den Masken? Was ist Pennywise, Ronald Mc Donald, Crusty, Captain Spaulding wirklich? Die Panik vor dem grossen Gelächter nach dem der letzte Vorhang gefallen ist.
IV. Frank Booth
Der böse Mann vor dem man keine Angst haben darf aber immer hatte. Geboren im weißen Abschaum. Eine Mischung aus Infantilität und wahnsinniger Priester.
Immer wieder verunsichert die Brutalität, selbst wenn Frank kontemplativ dem Song „The Candy Coloured Clown They Call them Sandman“ von Roy Orbison im merkwürdigen Haus eines Ben´s lauscht. Ist Frank Booth vielleicht nur die hinreichende Bedingung des Guten? Denn alles Falsche, Verkehrte bringt doch immer schließlich nur das Feuer des Guten zum erglühen. Die Jeffreys dieser Welt werden erst durch Frank so richtig gut. Trotzdem ist man am Ende erleichtert, dass Frank Booth´s Hirn durch ein Kopfschuss auf Dorothy Vallens Teppichboden verschmiert wird.
Er muss sterben denn: Was Andere lieben macht Frank kaputt! Was Anderen wichtig ist hat er zerstört. Die liebe zur Mama schlägt bei Frank in brutale Demütigungen um. Vor nichts macht er halt, selbst Van Goghs letztes Ohr schneidet er ab.
Möglicherweise sitzen wir alle in so einem Auto, das ein Frank Booth steuert. Eingepfercht zwischen Perversen. 24 Stunden am Tag. Pausenlos aber immer gratis. Und rasen durch die Nacht. Vielleicht ist sich das Schlimme in uns. Und jetzt sind wir dazu verurteilt, diesen Parasit spazieren zu tragen. Aber besäßen wir keinen Sinn für Anstand, könnten wir gar nicht unter diesen Bedingungen leiden. Dann müssten diese Stimmen nicht so intensiv auf uns einreden, bis wir zur Axt greifen. Während wir unser Leben in Balance zu halten suchen, geschehen die merkwürdigsten Dinge. Vor einem hochpolierten Schaufenster stehen, Sportschuhe toll finden und sich dabei ertappen, wie man in der Phantasie, dem kleinen quengelnden Kind, von neben an, den Hals mit einem rostigen Küchenmesser durchschneidet. Auf der anderen Seite ist es denkbar, das dieses Kind mit dem Gedanken spielt, seiner Mutter den Schädel mit einem Hammer kaputt zu schlagen. Das Grauen hat sich eingenistet. Jetzt muss jeder selbst damit fertig werden. Niemand kann sich erklären, wie es dazu kommen konnte. Aber die Stimmen wollen einfach nicht die Klappe halten.
Alles im Kopf kam von draussen. Die Obsessionen im Kopf auf den Strassen, in den Zeitungen zu suchen ist ignorant. Der irre Nachbar, der die Kaninchen roh gefressen und Vergewaltigt hat. Die schizophrene Krankenschwester, der man mit 5mg Zyprexa täglich, nicht ihren Spaß Leuten im Gift zu spritzen austreiben kann. Alles nur die eigenen Hirngespinnste?
Wer sich zu weit hinaus lehnt, wird vom Krebs zerfressen. Die Drohung auf zellularer Ebene verhindert freies Denken. Ist das Absicht? Man findet diese Aussagen schliesslich auf den Titelseiten der degenerierten Zeitschriften. Bloss nicht auf dem Rotz der Fakten ausrutschen. Wenn Nachts der Schleim unter den Türritzen hindurch kriecht und die Nerven betäubt. Die Ritzen mit feuchten Desinfektionstücher zu stopfen ist ratsam. Ich hasse es, wenn Andere auf meinem Nervenkostüm herumtrampeln.
Stillschweigend hat man den Ausnahmezustand verhängt. Der Zeitpunkt dafür wurde einstimmig hinter verschlossener Tür beschlossen. Das Schlachtfeld ist definiert. Aber
trotzdem- die Frank Booths klopfen weiter von innen an unsere Schädeldecke- bum bum bum! Denn auch sie wollen aus dem Käfig. Wollen die Freiheit! Wie wir Alle.
Wenn der Trost aus bleibt, dräuen die Kontrollapparate unheimlich verlockend. Im Erstarren beschwören sie endlosen Diskurse herauf. Der Sachbearbeiter ruft zum Marschbefehl auf, damit sie mit Kettensägen durch die Kindergärten der Nation wüten können? Doch lieber in den Escherschleife der Hotlines vergammeln.
Nein wir haben den Apfelbaum unserer Kinder viel zu gern. Wir lieben es, sie darunter sitzen zu sehen und wie sie mit dem alten Big Jim spielen. Der kann nur einen Arm heben. Der Sommer ist doch eine schöne Jahreszeit. Der Frühling aber auch. Das elektrische Meer rauscht unter der Hirnschale. Still treibt das Auto durch die entmagnetisierte Nacht. Zögernd stellt man sich die Frage- “was zum Teufel geschieht hier?” Was man alles nicht will, es aber trotzdem bekommt! Viel zu viel passiert einfach so? Am Ende der Nacht angekommen. Jeffrey erwacht alleine mit zerschlagenem Gesicht neben einer Pfütze. Eine verlassene Landschaft. Im Hintergrund türmen sich Baumstämme. Ein guter Ort um aus dem Albtraum zu erwachen. Weit weg von Zuhaue, weg von der Winky, KFC, TV, Baseball, Highshool Cheerleader, Burger Bar, Gartenschlauch, Topmodell Gebärmutter. Zerknirscht und zerschunden schleppt sich Jeffrey nach Hause an den Frühstückstisch, an dem seine Mutter und seine Tante sitzen und frühstücken. Jeffrey setzt sich stumm zu ihnen, aber sprechen will er nicht. Ein neuer strahlender Tag beginnt.
Der verbreiteter Irrtum: Wahnsinn soll eine Frage der Hygiene sein. Die Gleichgültigkeit gegenüber Sepsis, gegenüber Antisepsis ist erschreckend. Auf der Dritten Etage eines städtischen Krankenhauses schlendert Dr. Benway in einem Keimfreien Korridor entlang und spielt in seiner Tasche mit dem Kugelschreiber. Seine Vene am Arm schmerzt von den vielen Einstichen. Die Wirkung des Morphiums legt sich wie ein erstarrter Spiegel über sein Schaum gepeitschtes Meer der Unruhe. Er überlegt, dann erinnert er sich wieder an diese Beifahrerin, der er das gebrochene Bein in die Fresse gestopft hatte. Eine gute Seele von Kind. Auf den Köpfen herum trampeln, bis sie platzen. Wie ne widerliche Kakerlake. Nachts im Bett hin und her wälzen und geschlagen wollen werden. Dann das letzte Ohr abschneiden. Nur die Projektion meines durchgedrehten Kopfes. Man steht kurz davor, als Menschen-Metzger durch die Straßen zu laufen.