Alles zum Thema [2]

Ratten, Maschinenfett und Hausbewohner

Nachdem ich eine halbe Packung noname Schokokekse gedankenlos in mich hinein gestopft hatte, quälen mich nun leider ausgiebige Bauchschmerzen. Es fühlt sich an, als müsste sich ein großes Stück verklumptes Maschinenfett einen Weg durch meinen Darm bahnen. Ich will nicht daran denken, wie ich diese Nacht überstehe soll. Statistisch sterben die meisten Menschen um zwei Uhr Nachts. Zwar stand auf der Verpackung Kakaobutter, bin mir aber sicher, das es sich um altes Maschinenfett handelt. Im Grunde bin ich der Ansicht, das so ne Angelegenheit nicht der Rede wert ist, aber durch diese Pein war ich gezwungen, die halbe Nacht über aufrecht sitzend auf einem Holzstuhl zu verbringen. Nur wenige Stunden eines verwirrenden Schlafes erlöste mich, ansonsten musste ich mich durch die Beobachtung meines Hinterhofes und den entsprechenden Assoziationen dazu, bei Laune halten.
So gegen halb Drei riss mich das heulen eines Hundes aus einen tauben, schlafähnlichen Zustand. Der Hund hörte nicht mehr auf zu bellen und zu jaulen. Es schien, als würde er den Mond für seine Situation anklagen- so heulte er ihn an. Anscheinend wurde er im Suff vergessen. Nach einer geschlagenen Stunde kontinuierlichen heulens und Bellen, fiel ich in den selben komatoösen Zustand zurück. 500 mg Paracethamol plus Codein, taten ihr Bestes. Ich ließ die Eindrücke in meine Träume einfließen, das Bild des Hundes, der schwarze Schatten alleine auf dem Hinterhof, zwischen Pappeln, dem kalkweißen Mondlicht.

Am nächsten Tag stand ich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch unter der Dusche. Ich dachte über die vergangene Nacht, über da was passiert war, nach. Wie kann man einen Hund im Hof vergessen? Es schien komischerweise Niemand außer mir, Anstoß daran genommen zu haben. Zum Glück waren zumindest die Schmerzte so gut wie verschwunden. Ich konnte mir das mit dem Hund nur so erklären, das einer der Punks von Gegenüber, den Hund zum pissen runter gelassen hatte und dann wegen eines Drogen Deliriums eingepennt ist. Er hatte diese Sache mit dem Hund einfach nicht mehr mit bekommen, bis ihn das Gebelle des eigenen Hundes aus der Bewusstlosigkeit riss.

Die Evolution bringt immer seltsamere Varianten des Homo Sapiens hervor. Eine davon hat sich auf das öffnen von Bierflaschen spezialisiert. Die Härteste und fortgeschrittenste Methode eine Flasche zu öffnen ist die mit den Zähnen. Es soll sogar Frauen geben, die das machen. Es würde mich nicht wundern, wenn irgendwann Menschen mit kleinen Haken an den Zähnen zu Welt kommen, damit die Bierflaschen sich noch problemloser öffnen lassen. Ein Geschenk der Evolution. Wie die Zangen eines Krebses. Jedenfalls hatte das Bellen irgendwann ein Ende. Wie auch immer die Geschichte mit dem Hund ausgegangen ist. Ich hatte das Ende nicht mitbekommen. Vielleicht wurde er von Ratten gefressen. Ratten sind angeblich hochgradig anpassungsfähig und robust mit ausgeprägtem Sozialverhalten. Es würde mich nicht wundern, wenn irgendwann Ratten in der Größe und dem Verhalten von gefräßigen Hyänen auftauchen. Kreaturen, die mit Blut verschmierten Nagezähnchen und Schnuppernäschen, in klaren Vollmondnächten auf Beutezug gehen und sogar vor der jagt auf Menschen nicht zurückschrecken.

Bereits auf dem Weg über den Hinterhof zu meiner Wohnung, ist mir das Geraschel in der “grünen Punkt Mülltonne” aufgefallen. Ich sagte ja schon, dass diese Ratten nicht zu unterschätzen sind. Immerhin werden sie oft genug von der Wissenschaft benutzt, zum Beispiel um ein neues Medikament, zu testen. Auch Geisteswissenschaftler bedienen sich der Ratten, um ihre Fragen die sie an die Menschheit, an das Leben haben, beantworten zu bekommen. Sie verfallen in Entzückung wenn das Tier durch das komplizierte Labyrinth huscht. Außerdem verpassen sie ihm gelegentlich elektrische Stromstöße, das ihr Entzücken darüber in ekstatische Zustände gipfeln lässt.
In Wichtigen Fragen, bei familiären Schwierigkeiten zum Beispiel, muss die Ratte auch als beratende Instanz herhalten. Dabei schaut der Wissenschafter in ihre kleinen roten Albinoknopfaugen und empfängt die geheimen Botschaften über unsichtbare hypnotische Symbole. Die moderne Variante des Orakels. Man kommt den Geheimnissen des Lebens langsam aber sicher auf die Schliche.

Wie robust Ratten wirklich sind, weiß man erst dann, wenn man realisiert was diese kleinen Geschöpfe alles problemlos in sich hinein stopfen können, ohne auch nur die geringsten Verdauungsschwierigkeiten zu bekommen. Wenn ich dass mit dem Erlebnis mit dieser vermeintlichen Kakaobutter vergleiche, schneide ich dabei sehr schlecht ab. Einer Ratte hätten meine noname Schokekse mit hundertprozentiger Gewissheit kein Unbehagen bereit, so viel steht fest!
Der Gedanke, das eine Kreatur niedriger Ordnung so widerstandsfähig ist, erfüllt mich mit entsetzten. Ich kann nicht leugnen, das ich gewisse Rachegelüste gegen diese Beister hege.

Es ist nicht das erste Mal, das ich von meinem Zimmer aus das Geraschel, dieses Toben aus der Müllkontainerecke vernehme. Wenn ich es mir genau überlege, geht das schon seit Tagen so. Die Mistviecher finden das sicher ganz komisch in den Tonnen herum zu tollen. Ich hab kleine Löcher am Boden der Kontainer entdeckt, die sind dafür da, das die Brühe abfließen kann und ich schätze dadurch gelangen sie in den Kontainer. Das ist für diese Tiere bestimmt genauso wie das Disneyland für eine Kleinfamilie.
In dem Zusammenhang muss ich an die Menschen denken, die mir immer häufiger unter die Augen kommen und die mit kleinen Taschenlampen und vielen Tüten die Mülleimer ausleuchten, um nach Flaschen und anderen Sachen zu suchen. Die sind auch ne ganz spezielle Spezier, die es Meinung nach noch gar nicht so lange auf der Bühne des Lebens gibt. So zynisch wie das klingt, aber ich finde die haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Ratten.
Aber mein Problem sind nicht die Leute die mich an Ratten erinnern- nein, die sind im Gegensatz zu Ratten sehr still und unauffällig. Mein Problem ist dieser unglaubliche Lärm, den diese Scheißviecher jede Nacht vollführen. Das Merkwürdige an der Sache ist, als ob sich die restlichen Hausbewohner in einem Trance Zustand befinden, niemand außer mir scheint sich daran zu stören. Als lägen alle im Dornröschenschlaf, nehmen die Dinge um sie herum, von ihnen unbemerkt, ihren tragischen Lauf. Treffe ich die selben Menschen im Treppenhaus, wird meist, wenn überhaupt nur das nötigste gesagt. “Guten Tag” Oder die abgespeckt Variante “Hallo”. Wenn ich ehrlich bin, hab ich dieses Gefühl nicht nur im Treppenhaus.

Ich denke mir fiese Methoden aus, wie ich mich dieser Ratten entledige. Die Bauchschmerzen setzen dummerweise wieder ein, was meiner Gewaltbereitschaft Aufwind verleiht. Ja unter bestimmten Bedingungen kann man sämtliche Hemmungen fahren lassen und sich wie ein Tier benehmen.
Ich finde die unrealistische Darstellung von alkoholisierten jungen Menschen in der Werbung verantwortungslos. Wenn es nach mir ginge, müssten die hübschen, braun gebrannten Menschen auf dem “Becks Schiff” das mit den grünen Segeln und für das ironischerweise “Joe Cockers” Gesang herhalten muss- also diese jungen Leute müssten alle kotzend über der Reling hängen oder leblos herum liegen, wobei vielleicht einige in gewalttätige Streitereien verwickelt wären- Eifersuchtszenen usw. also bestimmt nicht diese klare, entspannte Atmosphäre- das entspricht sogar nicht meinen Beobachtungen bezüglich alkoholisierter junger Menschen. Das mindeste wäre das Schwinden der Lebendigkeit aus ihren schönen Gesichtern.

Zurück zu meinen Ratten im Hof. Ob sich ihnen mit einer Rasierklingenfalle auf den Pelz rücken lässt will ich wissen! Kästen in die sie, mit ihren ewig hungrigen Mägen ahnungslos hinein tapsen und dann innen drin, von einem sich schnell drehenden Messer, zerdrechselt werden. Oder ich mir ein langes, scharfes Küchenmesser an einen Besenstil binde und sie damit einfach alle abstechen gehe. Die würden sicher wie am Spieß quietschen. Oder ich kaufe mir auf dem Russenschwarzmarkt eine 9 mm halb Automatik und schieß ein Magazin nach dem Anderen leer. Früher auf dem Dorf, hat man die fetten Wasserratten einfach mit Schrotflinten abgeknallt. Ich finde die zarten Umgangsformen im Zusammenhang mit Ratten ohnehin verweichlicht und ineffektiv.

Irgendwie bin ich mir sicher, dass von dem Geballer eh Niemand Notiz nehmen würde. Die Menschheit rennt hypnotisiert von einem Dilemma ins Andere. Die Leute sehen aus, als hingen unsichtbare Dinge vor ihren Augen, hinter denen sie her marschieren. Eine unheimliche Angelegenheit.

Anstelle der gewalttätigen Anwandlung beschließe ich schließlich, einfach zu den Müllcontainer hinunter zu gehen und den Deckel zu schließen. Damit wäre es auch schon etwas leiser geworden. Wie erschreckend einfach derweil die Lösungen ausfallen! Ich fühle mich ein bisschen wie “Will Smith” in “I Am Legend”- wobei es diesen Film noch in drei, vier älteren Versionen gibt. In einer spielt sogar “Vincent Price” die Hauptrolle. Jedenfalls werde ich die Idee nicht los, das ich auf dieser maroden Schießkugel alleine sitze, dessen Sauerstoff stündlich, wegen den unendlich vielen Verbrennungsmotoren, langsam in Richtung kritischer Bereich, abgefackelt wird.

Irgendwann heute, wieder mal auf dem Weg zurück in meine Wohnung. Durch ein düsteres, unbeleuchtetes, kühles Treppenhaus. Dunkelheit entspannt zum Glück die Augen. Ich zähle auf die sportlichen Müllmänner, die diese Ratten aus meinem Hinterhof entsorgen. Nicht ungefährlich, wenn ich bedenke, dass es sich um “grüner Punkt Müll” handelt, also Müll, der von Menschenhand am Fließband sortiert werden muss. Was, wenn sich eine der Ratten am Arm eines schreienden Mitarbeiter der städtischen Mülltrennung fest gebissen hat und der dann ins Krankenhaus muss? Nun ja, man wird ihm eine Spritze geben und die Ratte sachgerecht entsorgen- er ist zum Glück versichert. Ich beruhige mich wieder.

Nachdem schließlich auf meinem Hinterhof Ruhe eingekehrt ist, sitze ich gelassen auf meinem Holzstuhl. Man kann sich auf ihm wirklich entspannen! Er hat eine bequeme Polsterung und zwei ganz tolle Armlehnen.

Ich muss an den Menschen denken, dem ich eben im Bio Markt begegnete bin. Dort kaufe ich gelegentlich einige Sachen zum essen. Ich illusioniere, dass manche Dinge von dort einfach besser schmecken. Wie auch immer. Jedenfalls diese Frau, in dem besagten Bio-Feinkostlebensmittelgeschäft. Sie unterhielt sich mit einer anderen Frau. Was mir hängen geblieben ist, war das verkrampfte Lachen hinter jedem Satz. Es schien, als versuchte sie mit dem Lachen der Welt beweisen zu wollen, dass sie tatsächlich glücklich ist- „Hallo! Seht her! Ich lebe gesund, fresse den ganzen Tag nur gesundes Futter, trage die Baumwollunterwäsche von glücklicher Baumwolle und glücklichen Baumwollzupfern, ich werde gesund und munter abkratzen, oder nein! Das nicht- ähhh- scheiße! Was geschieht mit mir, mir wachsen blaue Tentakeln aus der Nase, ich mach doch alles richtig, ich muss jetzt lachen, haha, immerzu lachen!Zuhause packe ich meinen Demeterdildo aus und schieb ihn in mir in meine biologischdynamische Möse, hallo ist da jemand, hört mich jemand? Ich bin doch Glücklich oder?!!!“ Alles etwas irre. Es wirkt zumindest so. Man gewinnt den Eindruck. Alles natürlich nur mein Film, mein Eindruck! Irre- aber gesund! Was soll‘s!

Das Buch „die Pest“ von Albert Camus beschreibt wie in einem algerischen Kaff die Pest wütet und wie die Leute dadurch in einen enervierenden Überlebenskampf verstrickt werden. Und wie bei jeder Pest, sind es die Ratten, die den Erreger mit sich herum tragen. Vielmehr die Flöhe im Rattenpelz. Die Idee, die Pest könnte auch meine Stadt heimsuchen ist vielleicht absurd, aber dennoch merkwürdig spannend.
Wenn dieser verblödeten, amüsier Wahn, Party Meilen, Vormittags Talkshow Welt ein derartiger Streich gespielt werden würde. Ein merkwürdiges Szenario täte sich da auf. Eine ganze Stadt steht unter Quarantäne. Leute im Fieberwahn. Totenstille in den U Bahnen. Menschen mit Schweißperlen auf der Stirn, wenn jemand hustet. Menschen brechen auf offener Straße zusammen. Solarium gebräunte Prols jagen Ratten mit Pistolen. Vielleicht würde dieser umstand sogar unterschiedliche, soziale Gruppen zusammenschweißen. Ein linksradikaler Autonomer kämpft Seite an Seite mit einem Naziglatzkopf in der Kanalisation. Beide ballern was das Zeug hält mit Schrotflinten auf eine näher kommende, hungrige, verlauste Horde Ratten.
Das Stadtgebiet wird von bewaffneten Militärs abgeriegelt, die Soldaten haben den Befehl, auf Alles und Jeden zu schießen, der es wagt unerlaubt die Stadt zu verlassen. Ob Frau, Kind, Hund, Ratte egal- einfach auf Alles wird geschossen.

Ich frage mich ob es diese Flöhe, die diese Pest Erreger in sich tragen, tatsächlich gibt. Und ob sich Ratten auch gegenseitig auffressen. Gibt es unter Ratten überhaupt das Phänomen des Kannibalismus?
Wie bekommt man die Menschen wach gerüttelt? Die CNN Blutfließberichterstattung hat es offensichtlich nicht geschafft. Nach jedem Wochenende fallen die Leute nur noch in einen tieferen Schlaf. Wie viele Prinzen und Prinzessinnen braucht man, um die Menschheit wach zu küssen? Und was haben sie eigentlich während der ganzen Zeit über geträumt?

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time

An diesem Tag wurde mir etwas klar, es kam einfach. Ich denke, ich war gerade auf dem Weg nach Hause, irgendwo zwischen den beiden Punkten. Es war ganz komisch. Ich schaute mich plötzlich um. Es war nichts Ungewöhnliches, dennoch stellte ich fest, dass es irgendwie sehr still wurde. Dann wurde mir etwas klar. Es gab eine Sache, Weiterlesen »

ausgezählt

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Null- alleine in einem Flur, Zeit absitzend; eins- die Zimmertür wird zu geschlagen; zwei- den Kopf an die Wand gedrückt; drei- Lippen werden aufeinander gepresst; vier- die Schallplatte hängt wegen eines Kratzers; fünf- der Mann rennt zum Plattenspieler und versetzt der Nadel einen leichten Stoß; Weiterlesen »

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