FRANK BOOTH

Frank

Heft bestellen – 3 Euro

Frank Booth, Jeffrey Beaumont, Dorothy Vallens und zwei weitere Männer rasen mit 60 Meilen pro Stunde durch die Nacht- sie brettern mit einem heruntergekommenen Auto über eine verlassene Bundesstrasse. Jeffrey Beaumont sitzt eingeklemmt auf der Rückbank zwischen zwei Typen, die vom Muschihimmel träumen, dabei fuchtelt einer der Beiden mit einem Spring-Messer vor Jeffreys Gesicht herum.

Die Rückbank- eine Zwangsjacke, ein zeitgenössisches Purgatorium. Die Hölle, ein heruntergekommener Vauxhall. Am Steuer der Irrsinn. Eine leibhaftige Psychose. Ein Gas inhalierendes Destillat, psychophatologischer Ungereimtheiten, das auf den Namen Frank hört. Frank Booth- die Schlüsselfigur des Filmes. Diese Figur verleiht dem Film seine Bedeutung, Kraft, Tiefe und seltsamerweise auch Witz.

Will man es genau wissen, stoppt man diese Szene, spult sie zurück und schaut sich diese Höllenfahrt immer wieder an. Die Autobahn zur Erleuchtung. Die Erleuchtung wird zwangsläufig eintreffen - weil man in dieser Szene unweigerlich das grundlegende Geheimnis des Universums entdecken wird. Den Kampf zwischen Liebe und Gewalt. Die Erleuchtung wird sich über eine heftige, elektrische Entladungen bemerkbar machen. Die Metaphysik der Erleuchtung ist die Konstellation der Figuren. Alle fantastisch reduziert und dadurch so genial absurd.

Frank Booth schraubt das Ventil seiner Gasflasche auf, er presst sich die durchsichtige Plastikmaske vor Mund und Nase, verzerrt dabei das Gesicht und inhaliert süchtig ein sonderbares Gas. Es besitzt offensichtlich eine regressive Wirkung, denn er spricht plötzlich wie ein zorniges Kind, dem man sein Spielzeug weggenommen hat. In seinem Delirium verlangt er nach Dorothy Vallens Brustwarze- er sieht rot! Dann die unvermeidliche Katastrophe- Jeffrey Beaumont schlägt Frank Booth angewiedert mit seiner Faust ins Gesicht. Der Moment, in dem sich Jeffry aus dieser elendigen Machtlosigkeit heraus reisst und sich in einen Helden verwandelt. Der Wendepunkt, endlich das ersehnte Aufbegehren gegen den gewalttätigen Irrsinn. Die Szene endet im Crescendo. Frank Booth unterlässt sein schmutziges Gefummel an Dorothy Vallens und schlägt Jeffrey noch in der selben Nacht zu Brei. Dabei tanzt eine schrill bekleidetet Nutte auf dem Autodach zu -The Candy Coloured Clown They Call them Sandman- Ein irritierender, mit Lippenstift verschmierter Mund, im kreisenden Lichtkegel einer Taschenlampe beleidigt jedes Gefühl von Menschlichkeit und das mit Recht.

Der gute Junge von nebenan unter der Gewalt eines Psychotikers. Ein um alles ersehnter Muschihimmel. Eingeklemmt auf einer Rückbank, mit perversen Kriminellen. Das Paradies auf den Plural des weiblichen Geschlechts komprimiert. Gewalt und eine damit einhergehende ungesättigte Sehn-Sucht nach Sex. Gleichzeitig ertönt die ungebrochene Stimme nach Reinheit und Unbestechlichkeit, der daraus resultierende Zwiespalt ist unvermeidlich.

All diese Zustände sind das Ergebnis von sich widersprechenden, oszillierenden Verlangen. Das Resultat- ein Desaster mit Gasmaske, das nach bürgerlichen Kontrollinstanzen schreit.
Am Ende erscheint dann doch alles nur wie der Traum einer einzigen Person. Nur die gewöhnliche Angst des guten Jungen?
Ein Dilemma bleibt bestehen- es ist ein Paradoxon geboren, das von nun an in unseren Köpfen weiter leben will.
π-in youre dreams i walk with you, in youre dreams i talk to you™-
Die verstörenden Elemente des Paradoxon:

1. Der Muschihimmel
Ein fiktive Ort der uneingeschränkten sexuellen Ekstase? Nichts ist verboten, alles erlaubt! Der innigste Wunsch desjenigen, der sich in einer schrecklich unbefriedigenden Lage befindet und um sich herum die ausgelassensten Zustände der Lüste sieht, die für ihn jedoch für immer unerreichbar scheinen.

II. Die Autofahrt
Gewalt, Sex, Angst, Schmerz, Geschwindigkeit. Ein Höllentrip. Das Leben. Die Autofahrt alles vielleicht nur der Vorgeschmack einer seit langem ersehnten Flucht? Der tragische Aspekt- seine Zweidimensionalität. Der amerikanische Traum- ein Irrtum? Die Flucht unmöglich? Immer wieder findet man sich am Ausgangspunkt wieder.

III. Der Böse Clown
Der Böse Clown, ein weltweites Trauma. Ronald McDonald hat sämtliche Kinderherzen gebrochen, keines seiner Versprechen wurde eingelöst. Zurück bleibt das Unbehagen. Wer oder was steckt hinter diesen Masken? Wer oder was ist Pennywise, Ronald Mc Donald, Crusty, Captain Spaulding wirklich? Die Panik vor dem grossen Gelächter nach dem der letzte Vorhang gefallen ist? Die Illuminaten?

IV. Frank Booth
Der böse Mann, der nicht wahr sein kann aber irgendwie überall ist. Geboren im weissen Abschaum. Ein beleidigter Prolet, den der Mangel an Verstand in eine Mischung aus Infantilität und wahnsinnig gewordenen Priester verwandelt hat.

Seine Brutalität hat was verstörendes, selbst wenn Frank kontemplativ dem Songπ-The Candy Coloured Clown They Call them Sandman- von Roy Orbison im bizarren Haus eines Bens lauscht, spricht aus seinem verzerrten Gesicht nichts beruhigendes. Was wenn Frank Booth nur die hinreichende Bedingung des Guten ist? Sein Falsches, Verkehrtes bringt doch schliesslich das Feuer des Erhabenen erst zum Glühen. Die Jeffreys dieser Welt werden durch Franks Gegenwart erst richtig gut. Trotzdem ist man am Ende erleichtert, wenn Frank Booths Hirn durch einen verdienten Kopfschusses auf Dorothy Vallens Teppichboden verschmiert wird. Er muss sterben denn- Was den Anderen lieb ist, macht Frank kaputt- was den Anderen wichtig ist, zerstört Frank. Die Liebe zu einer unsichtbaren Mama schlägt bei ihm in eine brutale Demütigung um. Vor nichts macht er halt, selbst Van Goghs letztes Ohr muss er abscheiden. Frank Booth ist der Mensch, den niemand haben will aber den jeder braucht.

Vielleicht sitzen wir alle in einem Auto, das ein Frank Booth steuert, eingepfercht zwischen Perversen, 24 Stunden, pausenlos dafür aber gratis und rasen durch die Nacht? Vielleicht befindet sich das Schlimme in uns? Dann wären wir dazu verurteilt, diesen Parasit spazieren zu tragen. Aber besässen wir keinen Sinn für Gut und Böse, könnten wir nicht unter diesem Zustand leiden. Dann müssten einige Stimmen nicht so lange auf uns einreden, bis wir zur Axt greifen. Während wir unser Leben in Balance halten, geschehen merkwürdige Dinge. Man steht vor einem hochpolierten Schaufenster, findet Sportschuhe toll und beobachtet sich dabei, wie man in seiner Phantasie, dem kleinen quengelnden Kind, das neben einem steht, den Hals mit einem rostigen Küchenmesser durchschneidet. Auf der anderen Seite ist es möglich, das genau dieses Kind mit dem Gedanken hadert, seiner Mutter die Augen aus zu stechen. Das Grauen hat sich eingenistet und jetzt muss jeder selbst damit fertig werden. Nur zu gern würden wir wissen, wie es überhaupt hinein kommen konnte. Denn die Stimmen wollen ihre Klappe nicht halten

Alles was im Kopf ist, kam von draussen. Die Obsessionen der Strassen, die ängste der Zeitungen. Der verwirrte Nachbar, der seine Kaninchen erst vergewaltigt dann roh auffrisst. Die schizophrene Krankenschwester, der auch mit 5mg Zyprexa, nicht die irre Freud Leuten Gift zu spritzen auszutreiben ist. Alles nur Hirngespinste? Im Grunde beides.

Wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, wird vom Krebs zerfressen. Es gibt eine Drohung auf zellularer Ebene, die verhindert freies Denken. Ist das Absicht? Man findet diese Informationen schliesslich auf den Titelseiten der degenerierten Zeitschriften. Wer auf dem Rotz der Fakten ausrutscht, verliert den überblick. Wenn Nachts der Schleim unter unseren Türritzen hindurch kriecht, werden die Nerven betäubt. Es lohnt sich wirklich diese Ritzen mit feuchten Desinfektionstücher aus zu stopfen, denn ich hasse es, wenn Kontrollaparate auf meinem Nervensystem herumtrampeln.

Stillschweigend wurde der Ausnahmezustand verhängt. Der Zeitpunkt ist einstimmig hinter verschlossener Tür beschlossen worden. Das Schlachtfeld ist nun definiert. Aber dennoch- die Frank Booths klopfen weiterhin von innen an die Schädeldecke- bum bum bum. Denn sie wollen aus ihrem Käfig. Sie wollen die Freiheit! Wie wir Alle!

Wenn der Trost aus bleibt, rücken die unheimlichen Kontrollapparate näher. Im Erstarren begriffen, beschwören sie immer noch endlose Diskurse herauf. Die Sachbearbeiter rufen zum Marschbefehl und schicken die Vollstrecker mit Kettensägen durch die Kindergärten der Nation. Man rette sich in die Endlosschleifen der Notfall Hotlines.

Nein wir haben unserer Apfelbäume und unsere Kinder viel zu gern. Wir lieben es, wie sie darunter sitzen und mit ihrem alten Big Jim spielen, der auf Knopfdruck seinen Arm hebt. Der Sommer ist doch die schönste Jahreszeit. Der Frühling aber auch. Das elektrische Meer rauscht in der Hirnschale. Still treiben die Autos durch die entmagnetisierten Nächte. Zögernd stellt man sich die Frage, was zum Teufel hier eigentlich geschieht?∫ Was will man nicht alles, bekommt es aber trotzdem nicht. Es passiert viel zu viel einfach so.
Am Ende einer langen Nacht angekommen. Jeffrey erwacht mit aufgerissenem Gesicht neben einer Pfütze. Eine verlassene Landschaft. Im Hintergrund türmen sich Baumstämme. Ein schöner Ort um aus einem Albtraum zu erwachen. Weit weg von Zuhaue, weit weg von dieser Winky, KFC, TV, Baseball, Highshool Cheerleader, Burger Bar, Gartenschlauch, Topmodell Gebärmutter. Zerknirscht und zerschunden schleppt er sich nach Hause an den Frühstückstisch, an dem sitzen bereits seine Mutter und seine Tante und frühstücken friedlich. Jeffrey setzt sich stumm und geschlagen zu ihnen, aber sprechen will er nicht darüber. Ein neuer strahlender Tag hat begonnen.
Ein weit verbreiteter Irrtum: Wahnsinn ist eine Frage der Hygiene! Die Gleichgültigkeit des Wahnsinns gegenüber Sepsis, gegenüber Antisepsis ist beeindruckend. Auf der Dritten Etage des städtischen Krankenhauses schreitet Dr. Benway einen keimfreien Korridor entlang, er spielt in seiner Tasche mit seinem Kugelschreiber. Klick, Klack, Klick, Klack. Die Venen seiner Arme sind blau angelaufen und die Glieder schmerzen wegen den vielen Einstichen. Die Wirkung des Morphiums legt sich wie ein nasser Filzteppich über das zu Schaum gepeitschte Meer. Kurz muss er überlegen, dann erinnert er sich an die Beifahrerin, der er ein blutendes Bein in die Fresse stopfen musste. Eine gute Seele von Kind. Auf den Köpfen herum trampeln bis sie platzen. Wie eine widerliche Kakerlake. Sich Nachts im Bett hin und her wälzen, geschlagen werden wollen vor Schmerz. Dann noch ein Ohr abschneiden. Alles nur die Projektionen meines durchgedrehten Kopfes? Ich stehe kurz davor, als Menschen-Metzger durch diese überfüllten Strassen zu stolpern.
Dr. Benway geht weiter, er reibt sich den Arm.